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Visionsarbeit- In 6 Schritten zur Vision

Vision, Visionsarbeit, Unternehmensvision

Das Erarbeiten einer Vision ist in erster Linie „ChefInnensache“. Die Unternehmensleitung ist gefordert ihr Know-how einzubringen und konsensual ein gemeinsames Bild „einer gewünschten Zukunft“ zu erarbeiten. Im nächsten Schritt geht es dann darum, die Vision in geeigneter Form an die Belegschaft zu kommunizieren. Nachdem die Vision von der Unternehmensleitung formuliert wurde, kann die zweite Ebene als „Sounding Board“ einbezogen werden, um eine höhere Akzeptanz erreichen zu können. Im Zuge dessen wird der zweiten Ebene die Vision vorgestellt und um Rückmeldung gebeten. Danach werden gegebenenfalls Adaptionen und Ergänzungen vorgenommen. Die Vision sollte jedoch im Kern nicht verändert werden, denn nur eine authentische Vision, also eine hinter der die Unternehmensleitung als Personen stehen können, kann auch Zugkraft entwickeln. Das Eingehen von Kompromissen aufgrund von Harmoniebedürftigkeit sollte vermieden werden, da dies das Zukunftsbild schwächen würde. Die Vision soll eine klare Vorstellung des Topmanagements an alle Führungskräfte und MitarbeiterInnen sein. Die Kommunikation mit den MitarbeiterInnen und deren Akzeptanz der Vision sind sehr wichtig, jedoch darf diese erst nach gelungener Visionsarbeit auf Topmanagement-Ebene stattfinden.

 

Persönliche Vision

Unternehmensvisionen sind gleichzeitig auch UnternehmerInnenvisionen, da das Engagement der UnternehmerInnen auf den persönlichen Werten und Sehnsüchten beruht. Es erhöht daher die Qualität der Visionsarbeit, wenn die Unternehmensleitung zunächst an ihrer persönlichen Vision arbeitet. 

 

Leitfragen

Die folgenden Leitfragen haben wir durch das Fünf-Säulen-Modell der Identität von Hillarion Petzhold abgeleitet. Stellen Sie sich vor, Sie sind bereits in der Zukunft (in 5 Jahren) und nutzen diese Fragen, um ein möglichst ausführliches Zukunftsbild zu gestalten.

  • Wo und wie lebe ich?
  • Wie ist meine familiäre Situation?
  • Wie sind meine sozialen Beziehungen? Welche Menschen sind für mich wichtig?
  • Welcher beruflichen Tätigkeit gehe ich nach? Mit welchen Leistungen verdiene ich meinen Lebensunterhalt? Wie ist mein Arbeitsumfeld?
  • Wie ist die Zusammenarbeit mit MitarbeiterInnen, KollegInnen, KundInnen, Vorgesetzten?
  • Wie ist meine Freizeit? Was tue ich? Allein? Mit anderen?
  • Wie ist meine materielle Situation?
  • Welche neuen Erfahrungen habe ich gemacht? Was habe ich gelernt?
  • Was tue ich für/mit meinem Körper?
  • Worin liegen meine Lebensprioritäten?

Methodik

Es gibt verschiedene Methoden, wie Sie mithilfe der obigen Leitfragen an Ihrer persönlichen Vision arbeiten können. Je nach Präferenz können Sie einen der vorgeschlagenen Zugänge wählen:

  • In die Natur gehen und dadurch ein Bild entstehen lassen.
  • Freewriting: Lassen Sie sich von den Impulsfragen inspirieren und beschreiben Sie Ihre Vision mit zentralen Wörtern. Formulieren Sie dabei die Vision in der Gegenwart und aus der Ich-Perspektive (so als wären Sie bereits in der Zukunft). Schreiben Sie kontinuierlich und ohne längere Unterbrechungen mindestens zwei A4-Seiten.
  • Ein Bild zeichnen: Zeichnen Sie ein Bild, das mit Symbolen die verschiedenen Impulsfragen beantwortet.
  • Erzählen Sie Ihre Visions-Geschichte: Bitten Sie eine Person aus Ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis oder aber auch eine Beraterin bzw. einen Berater, die/der gut zuhören kann, Ihnen etwas Zeit zu widmen. Entwickeln Sie Ihre Vision , indem sie auf die verschiedenen Impulsfragen eingehen. Wichtig ist, dass die zuhörende Person Ihnen so aufmerksam und wertschätzend wie möglich folgt und darüber hinaus weder unterbricht noch kommentiert. (Hinweis: Die zuhörende Person sollte nicht aus der Unternehmensleitung stammen, da es wichtig ist, dass in diesem Schritt jede Person, die später an der Visionsarbeit beteiligt ist, sich auf das eigene Zukunftsbild konzentriert)

Erarbeiten einer gemeinsamen Vision im Leitungsteam

Im Folgenden beschreiben wir eine Methode der Visionsarbeit in einem Leitungsteam. Diese Methode hat sich in unser Beraterpraxis, vor allem in der Arbeit mit Zweier-Geschäftsführerteams bewährt, lässt sich aber auch mit größeren Geschäftsführungs-/Vorstandsteams durchführen.

 

Die Schritte 1 bis 4 sollten unmittelbar hintereinander und innerhalb von 1-2 Tagen, idealerweise in einer Klausur abseits vom Alltagsgeschäft. durchgeführt werden. Schritt 5 und 6 können auch nachgelagert bearbeitet werden.

 

In 6 Schritten zur Vision

 

Schritt 1: Einzelarbeit Formulierung der ist-Situation und der Wunschvorstellung

Formulierung der Ist-Situation und der Wunschvorstellung ALS TITEL?

Zunächst legen die TeilnehmerInnen fest, auf welchen Zeithorizont sich die zu erarbeitende Vision beziehen soll. Unserer Erfahrung nach eignet es sich in den meisten Fällen, die Vision für heute in 5 Jahren zu erstellen. Jeder der TeilnehmerInnen stellt sich für die folgenden vier Bereiche zwei Fragen: Wie nehme ich die Ist-Situation wahr? Was ist meine Wunschvorstellung für diesen Bereich in 5 Jahren?

Die vier Bereiche sind:

  • Markt
  • Finanzen
  • Organisation
  • MitarbeiterInnen

Kurze Erläuterung der Bereiche:

  • Markt steht für KundInnen, MitbewerberInnen, Marktposition, …
  • Finanzen…
  • Organisation steht für: Strukturen/Organigramm, Prozesse, Vertriebsaufstellung, Jobs und Funktionen, Aufstellung der Belegschaft, Entscheidungsstrukturen…
  • MitarbeiterInnen steht für: Wir als Unternehmensleitung, die nächsten Führungsebenen, sonstige FunktionsträgerInnen, MitarbeiterInnenqualität, Zusammenarbeitsqualität, Kommunikationsqualität

Einige Hinweise

An die Beschreibung der Ist-Situation sollten Sie so klar wie möglich herangehen. Genauer gesagt sollen die Formulierungen keine Beschönigungen, aber auch keine Dramatisierungen enthalten. Ein klares Verständnis für die Ist-Situation zu bekommen ist nicht nur wichtig für die Visionsarbeit, sondern auch für den weiteren Verlauf des strategischen Prozesses eine große Hilfe, die strategisch wichtigen Ziele festzulegen.

 

Bei der Beschreibung der Wunschvorstellung sollten Sie sich starkes Positives Denken erlauben. Wir verwenden den Begriff „Wunsch“ bewusst, weil Wünsche eine starke emotionale Komponente haben. Eine Vision kann nur überzeugend sein, wenn sie Emotionen hervorruft und das kann sie nur, wenn bei ihrer Erarbeitung die Emotionen der UnternehmensleiterInnen eingeflossen sind. Hören Sie in sich hinein und fragen Sie sich, was Sie sich für den jeweiligen Bereich wirklich zutiefst wünschen. Die Wunschvorstellung sollte eine Herausforderung darstellen, sollte dennoch realistisch erreichbar sein. Genauer gesagt, sollte der Wunsch am äußersten Rand der Realität und an der Grenze zur Utopie liegen.

 

Wie auch bei den anderen Schritten der Strategischen Unternehmensführung ist es wichtig, dass Sie sich genug Zeit und Abstand vom Alltagsgeschehen nehmen, wenn Sie die Visionsarbeit durchführen. Sie werden auf die Frage nach den eigenen Wünschen für das Unternehmen schnell Antworten parat haben. Doch geben diese wirklich Auskunft über Ihre tiefsten Wünsche? Sind diese auch mit starken positiven Emotionen bei Ihnen verbunden? Etwas umgangssprachlich könnte man sagen, dass die Visionsarbeit sich im laufenden Wechsel zwischen Kopf, Herz und Bauch abspielt. Um sicherzustellen, dass diese drei Ebenen berücksichtigt werden, ist es wichtig, sich Zeit zu geben und zu „entschleunigen“. 

 

Schritt 2: Vorstellen der Ergebnisse

Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer stellt ihre/seine Ergebnisse des ersten Schrittes vor. Die Aufgabe der anderen Personen ist es, aktiv zuzuhören, nicht zu unterbrechen sowie nicht zu kommentieren.

Zum aktiv Zuhören:

Dieser Ausdruck macht deutlich, dass Zuhören im Normalfall nicht automatisch erfolgt. Es erfordert den „Akt“ der bewussten Aufmerksamkeit auf eine andere Person. Darüber hinaus bleibt diese Aufmerksamkeit nicht von selbst bestehen, sondern sie muss immer wieder „aktiv“ erneuert werden.

Die folgenden Anregungen sind eine Hilfe für das aktive Zuhören:

  • Hören Sie mit der Haltung zu, dass ihr Gegenüber weise ist.
  • Sehen Sie alles was erzählt wird, als wichtig an.
  • Sehen Sie nichts von dem was erzählt wird, als selbstverständlich an.
  • Hören Sie mit der Bereitschaft zu, sich vom Gegenüber beeinflussen zu lassen.
  • Hören Sie so zu, dass Sie dem Gegenüber helfen, in den Erzählfluss zu kommen.

Schritt 3: Austausch/ Abgleich/ Gemeinsames Verständnis entwickeln

In diesem Schritt gehen die TeilnehmerInnen miteinander in den Austausch. Um strukturiert vorgehen zu können, kann es zum Einstieg hilfreich sein, Gemeinsamkeiten und Unterschiede festzustellen. Nach diesem Schritt empfehlen wir eine längere Pause, um Abstand von der Vision zu gewinnen und Inspiration zu tanken. In diesem Zusammenhang könnte auch eine aktive Pause, wie z.B. ein Spaziergang in der Natur sinnvoll sein.

 

Schritt 4: Gemeinsames Zeichnen eines Zukunftsbildes

Zeichnen Sie nun gemeinsam Ihr Zukunftsbild auf einer großen Zeichenfläche (z.B. große Moderationspinnwand mit Papier). Wichtig dabei ist es nicht, dass das Bild formvollendet ist, sondern dass sich alle wichtigen Elemente Ihrer Vision darin finden und auch ihre Zusammenhänge untereinander deutlich werden.

 

Schritt 5: Legende zum Bild erarbeiten

Während die ersten vier Schritte unmittelbar hintereinander sowie innerhalb von 1-2 Tagen stattfinden sollten, kann der fünfte Schritt auch etwas später durchgeführt werden. Wichtig ist jedoch, dass alle teilnehmenden Personen auch bei der Erstellung der Legende mitwirken.

In der Legende werden alle wesentlichen Elemente des Zukunftsbildes schriftlich beschrieben. Dieser Schritt nimmt einen zentralen Stellenwert ein, da aus dem Zukunftsbild eine Zukunftsgeschichte werden soll, die sich den MitarbeiterInnen auch klar kommunizieren lassen sollte. Außerdem stellt die Legende sicher, dass die beteiligten UnternehmensleiterInnen mit dem Bild auch wirklich eine klare, gemeinsam getragene Vision verbinden. Klar ist die Vision dann, wenn die Legende gut beschrieben ist und es möglichst wenig Interpretationsspielraum gibt.

 

Schritt 6: Kritische Würdigung der Vision

Dieser Schritt sollte mit etwas Abstand (1-3 Monate) nach den Schritten 1-5 erfolgen.

 

6.1: Die an der Visionsarbeit Beteiligten überlegen anhand von Bild und Legende zunächst individuell, ob die Vision den folgenden Kriterien entspricht: Die Vision...

  • erzeugt Zugkraft?
  • erzeugt Sehnsucht?
  • ist sinn-stiftend?
  • schafft Orientierung?
  • schafft Zusammenhalt?

6.2: Anschließend wird besprochen, in welchen Bereichen die einzelnen Teilnehmerinnen zufrieden sind und wo sie Verbesserungsbedarf sehen.

 

6.3: Bild und Legende werden gemeinsam adaptiert und ergänzt, bis die Vision den obigen Kriterien gerecht wird.

 

Alternative Vorgehensweise:

 

Bei den Teilschritten 6.1 und 6.2 kann auch die zweite Managementebene als „Sounding-Board“ integriert werden. Schritt 6.3 wird jedoch wieder nur von den ursprünglich Beteiligten durchgeführt. Sie entscheiden, welche Anregungen der zweiten Ebene sie in die Letztversion der Vision einbeziehen. Wichtig ist, dass die Vision ChefInnensache ist und bleibt. Die Wirkkraft der Vision ist ganz eng damit verknüpft, inwieweit sie authentisch ist, also wie sehr die Unternehmensleitung als Personen dahinterstehen. Daher dürfen die grundsätzlichen Entscheidungen im Zuge der Visionsarbeit nicht delegiert werden.

Empfehlung:

Wenn Sie sich dafür entscheiden, die zweite Management-Ebene einzubeziehen, machen Sie zu Beginn deutlich, dass Sie auf ein Feedback der KollegInnen interessiert sind, aber möglicherweise nicht alle Anregungen in die Letztversion der Vision aufnehmen werden. So vermeiden Sie, dass überhöhte Erwartungen entstehen.


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